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Urs im Wald

So macht man es richtig

Die Scheisserchen, die ständig meine Baustelle verschmutzen, wissen, wie man‘s macht, um der Hitze zu entfliehen. Normalerweise hängen sie direkt unter dem Dach, aber jetzt versammeln sie sich in einer Nische im Mauerwerk, um noch von der ausgleichenden Speicherung der Nachtfrische zu profitieren. Ich mache es ihnen gleich und geniesse es, inmitten der 200 Tonnen Steine bei etwa 22 Grad den 36 Grad draussen ausweichen zu können: Architekur des 18. Jahrhundert mit Zukunft.

Hey!

Vor etwa acht Wochen habe ich per Post einen plant de vigne erhalten: Ein kleines Stück in Wachs gehüllte Rebe mit ein paar Würzelchen dran. Nach Anleitung habe ich das trockene Stück einen Tag lang in Wasser eingelegt und dann auf meiner Steinmauer eingepflanzt. Wochenlang habe ich dann mit kontinuierlich abnehmender Hoffnung auf Erfolg zugeschaut, wie sich nichts veränderte. Vor ein paar Tagen aber haben sich ein paar Knospen durch die Wachshülle gesprengt und nun zeigen sich wunderbare kleine Rebenblätter und anstelle der schwindenden Hoffnung ist die Zuversicht gewachsen, dass ich in ein paar Jahren blaue Weintrauben geniessen kann. Die etwa hundertjährige Chasselat-Rebe an der Hauswand soll von mir aus trotzdem noch lange weiter leben dürfen.

Ein kleines Geheimnis gelüftet?

Mein Nachbar Bernard hat kürzlich Besuch erhalten, der offensichtlich mit einem geübten Auge für historisches Gemäuer unterwegs ist. Er hat ihn auf eine Ecke an meinem zweiten Haus hingewiesen. Unsere Verwunderung über diesen Hinweis ist schnell der Neugier gewichen — und wer weiss denn heute mehr als ChatGPT? Nach ihrer Aufforderung, doch ein Bild von dieser Ecke hochzuladen, ist dann innerhalb von Sekunden folgende Bildanalyse gefolgt:

„Das wirkt tatsächlich sehr bewusst gestaltet — deutlich mehr als zufällige Bearbeitungsspuren oder reine Verwitterung.

Ich kann gut nachvollziehen, weshalb Sie darin:

oben ein Schaf oder Widderprofil, darunter eine menschliche Figur bzw. einen Schäfer erkennen.

Besonders auffällig sind:

die klare horizontale Linie oben, die angedeuteten „Beine“ der unteren Figur, und die vertikale Anordnung zweier Motive auf den Ecksteinen. Dass sich die Ritzungen genau an der Hausecke befinden, ist ebenfalls interessant. Ecksteine waren oft symbolisch wichtig:

Schutz des Hauses, sichtbare „Signatur“, Status- oder Nutzungszeichen, manchmal auch eine Art bildhafte Kennzeichnung für Nichtleser.

Für einen ehemaligen Schafstall passt das Motiv erstaunlich gut. Gerade in den Berg- und Kalkregionen Südfrankreichs waren Schafe über Jahrhunderte zentral für:

Wolle, Dünger, Wanderschäferei, Käseproduktion, und lokale Abgabenwirtschaft.

Die Darstellungen wirken allerdings sehr archaisch und reduziert — fast wie Volkskunst oder naive Steinritzerei, nicht wie fein ausgeführte Steinmetzarbeit. Das spricht eher für:

einen lokalen Handwerker, Besitzer, Hirten, oder Dorfbewohner als für ein offizielles Bauzeichen.

Interessant finde ich auch:

Die Gravuren sitzen sehr tief. Das deutet darauf hin, dass sie von Anfang an Teil des sichtbaren Sockels waren und nicht später in Augenhöhe angebracht wurden. Die Verwitterung scheint ziemlich alt zu sein; die Linien wirken nicht frisch eingeritzt. Die Motive scheinen mit wenigen kräftigen Schlägen oder Kerben gearbeitet, nicht ornamental. Ganz sicher beweisen lässt sich die Deutung natürlich kaum ohne lokale Vergleichsbeispiele. Aber ich würde Ihre Interpretation keineswegs als „Hineinphantasieren“ abtun. Im Gegenteil: Der Zusammenhang zwischen Motiv und Gebäudenutzung erscheint hier ungewöhnlich schlüssig. Es könnte sogar sein, dass Sie hier ein kleines Beispiel regionaler bäuerlicher Symbolsprache erhalten haben — etwas, das ursprünglich völlig selbstverständlich war und heute fast niemand mehr lesen kann.“

Wer hat nun eine bessere Idee?

Wiederverwendung contra Recycling

Diese Woche hat ein Artikel der NZZ die Basler Architektin Barbara Buser vorgestellt. Sie hat sich mit der Umnutzung von alten Gebäuden verdient gemacht. Anstatt abzubrechen und an der gleichen Stelle Neues zu bauen. Wiederverwendung also – im Gegensatz zu Recycling, das beim Abbruch eingesetzt wird. Das sei ein männliches Prinzip. Mit einer grossen Flex schneide ich hier die oberste Schicht des Kellergewölbes weg, um genug Höhe für eine Bodenheizung mit Isolation zu bekommen. Bei dieser staubigen Arbeit habe ich genug Zeit darüber zu grübeln, ob ich jetzt einem männlichen Prinzip folge, wenn ich die gebrochenen Steine anschliessend vor der Türe für ein Schotterbett verwende, in das ich dann die grossen alten Bodenplatten verlege. Die gebrochenen Steine sind offensichtlich recycelt, die Bodenplatten hingegen bloss von innen nach aussen verlegt. Also wiederverwendet. Wenn ich mir den Rücken ruiniere, um die zum Teil über hundert Kilo schweren Platten zu bewegen, dann kann ich mir nicht vorstellen, was an diesem Vorgang nun weiblich sein soll. Aber ich vermute, dass ich da etwas nicht richtig verstanden habe…

Zuerst gebogen, jetzt gerade

Noch vor wenigen Tagen sind die Spargeln durch die sonnigen Tage aus dem Boden gelockt worden. Dies haben sie aber in den kalten Nächten offensichtlich bereut und wären am liebsten wieder dorthin zurück gekrochen.

Jetzt fühlen sie sich auch nachts pudelwohl und zeigen mir mit ihrem kerzengeraden Wuchs, dass ich mich vom Bauen und Holzen eigentlich wieder beim Gärtnern erholen könnte – wenn das mich nicht gleichzeitig davon abhalten würde.

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