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Urs im Wald

Ein kleines Geheimnis gelüftet?

Mein Nachbar Bernard hat kürzlich Besuch erhalten, der offensichtlich mit einem geübten Auge für historisches Gemäuer unterwegs ist. Er hat ihn auf eine Ecke an meinem zweiten Haus hingewiesen. Unsere Verwunderung über diesen Hinweis ist schnell der Neugier gewichen — und wer weiss denn heute mehr als ChatGPT? Nach ihrer Aufforderung, doch ein Bild von dieser Ecke hochzuladen, ist dann innerhalb von Sekunden folgende Bildanalyse gefolgt:

„Das wirkt tatsächlich sehr bewusst gestaltet — deutlich mehr als zufällige Bearbeitungsspuren oder reine Verwitterung.

Ich kann gut nachvollziehen, weshalb Sie darin:

oben ein Schaf oder Widderprofil, darunter eine menschliche Figur bzw. einen Schäfer erkennen.

Besonders auffällig sind:

die klare horizontale Linie oben, die angedeuteten „Beine“ der unteren Figur, und die vertikale Anordnung zweier Motive auf den Ecksteinen. Dass sich die Ritzungen genau an der Hausecke befinden, ist ebenfalls interessant. Ecksteine waren oft symbolisch wichtig:

Schutz des Hauses, sichtbare „Signatur“, Status- oder Nutzungszeichen, manchmal auch eine Art bildhafte Kennzeichnung für Nichtleser.

Für einen ehemaligen Schafstall passt das Motiv erstaunlich gut. Gerade in den Berg- und Kalkregionen Südfrankreichs waren Schafe über Jahrhunderte zentral für:

Wolle, Dünger, Wanderschäferei, Käseproduktion, und lokale Abgabenwirtschaft.

Die Darstellungen wirken allerdings sehr archaisch und reduziert — fast wie Volkskunst oder naive Steinritzerei, nicht wie fein ausgeführte Steinmetzarbeit. Das spricht eher für:

einen lokalen Handwerker, Besitzer, Hirten, oder Dorfbewohner als für ein offizielles Bauzeichen.

Interessant finde ich auch:

Die Gravuren sitzen sehr tief. Das deutet darauf hin, dass sie von Anfang an Teil des sichtbaren Sockels waren und nicht später in Augenhöhe angebracht wurden. Die Verwitterung scheint ziemlich alt zu sein; die Linien wirken nicht frisch eingeritzt. Die Motive scheinen mit wenigen kräftigen Schlägen oder Kerben gearbeitet, nicht ornamental. Ganz sicher beweisen lässt sich die Deutung natürlich kaum ohne lokale Vergleichsbeispiele. Aber ich würde Ihre Interpretation keineswegs als „Hineinphantasieren“ abtun. Im Gegenteil: Der Zusammenhang zwischen Motiv und Gebäudenutzung erscheint hier ungewöhnlich schlüssig. Es könnte sogar sein, dass Sie hier ein kleines Beispiel regionaler bäuerlicher Symbolsprache erhalten haben — etwas, das ursprünglich völlig selbstverständlich war und heute fast niemand mehr lesen kann.“

Wer hat nun eine bessere Idee?

Wiederverwendung contra Recycling

Diese Woche hat ein Artikel der NZZ die Basler Architektin Barbara Buser vorgestellt. Sie hat sich mit der Umnutzung von alten Gebäuden verdient gemacht. Anstatt abzubrechen und an der gleichen Stelle Neues zu bauen. Wiederverwendung also – im Gegensatz zu Recycling, das beim Abbruch eingesetzt wird. Das sei ein männliches Prinzip. Mit einer grossen Flex schneide ich hier die oberste Schicht des Kellergewölbes weg, um genug Höhe für eine Bodenheizung mit Isolation zu bekommen. Bei dieser staubigen Arbeit habe ich genug Zeit darüber zu grübeln, ob ich jetzt einem männlichen Prinzip folge, wenn ich die gebrochenen Steine anschliessend vor der Türe für ein Schotterbett verwende, in das ich dann die grossen alten Bodenplatten verlege. Die gebrochenen Steine sind offensichtlich recycelt, die Bodenplatten hingegen bloss von innen nach aussen verlegt. Also wiederverwendet. Wenn ich mir den Rücken ruiniere, um die zum Teil über hundert Kilo schweren Platten zu bewegen, dann kann ich mir nicht vorstellen, was an diesem Vorgang nun weiblich sein soll. Aber ich vermute, dass ich da etwas nicht richtig verstanden habe…

Zuerst gebogen, jetzt gerade

Noch vor wenigen Tagen sind die Spargeln durch die sonnigen Tage aus dem Boden gelockt worden. Dies haben sie aber in den kalten Nächten offensichtlich bereut und wären am liebsten wieder dorthin zurück gekrochen.

Jetzt fühlen sie sich auch nachts pudelwohl und zeigen mir mit ihrem kerzengeraden Wuchs, dass ich mich vom Bauen und Holzen eigentlich wieder beim Gärtnern erholen könnte – wenn das mich nicht gleichzeitig davon abhalten würde.

Auf Sand gebaut

Wenn Jesus laut Matthäusevangelium davon abrät, ein Haus auf Sand zu bauen, so finden hingegen Wikipediaautoren, dass laut DIN 1054 Sand ein guter Baugrund sei.

Unterschiedliche Ansichten werden auch auf meiner Baustelle geäussert, wenn jeder, der bei mir vorbeischaut, seinen Senf dazugibt.

Ich halte es mit Jesus. Und wenn ich mehrere Wochen meiner immer begrenzteren verbleibenden Lebensspanne dazu einsetze, mühsam allen Sand aus dem Untergrund des zweiten Hauses zu buddeln, dann begreifen nicht alle, worum es geht.

Es kommt halt darauf an, denn Sand ist nicht gleich Sand und erst recht nicht in unterschiedlichen Situationen.

Es hat einige Erfahrungen gebraucht, bis ich begriffen habe, wie sich die Beschaffenheit des alten Untergrundes hier in meinem zweiten Haus auswirkt. Der Boden des Hauses war im Wohnbereich mit dicken Sandsteinplatten belegt. Man war versucht, dieses rustikale Element zu erhalten und in den neuen Plan zu integrieren. Die grob bearbeiteten Oberflächen waren mir aber für die Pflege zu unpraktisch und es war rasch klar, dass ich einen neuen Bodenbelag einbringen werde. Da ich an dieser Stelle aber auch mein Brennholz spaltete, ist mir aufgefallen, dass diese schweren, dicken Bodenplatten unter den Erschütterungen der Axtschläge sich bewegten und sich millimeterweise in den Untergrund verschoben.

Als ich letztes Jahr die Platten für den Bau des Vorplatz des ersten Hauses entfernt habe, war der Plan, den Untergrund zu belassen und ihn einfach mit einer Schicht Beton zu überdecken. Um Raum für eine Bodenisolation zu schaffen, habe ich etwa 15 Zentimeter Belag abgetragen. Je mehr ich mich mit diesem Bodengrund abmühte, umso klarer wurde mir dessen Struktur.

Man könnte meinen, es wäre ein Gemisch aus Bruchsteinen, mit Sand umfüllt. Aber dem ist nicht so. Man erkennt noch heute, dass die Steine der alten Trennmauer zwischen Wohnhaus und Stall vor allem bodennah nur mit Lehm verklebt wurden. Und so wurde auch der ganze Untergrund über dem Kellergewölbe aufgefüllt. Mit Bauschutt und lehmiger Erde vermischt.

An bodenfeuchten Stellen liegen diese Steine noch kompakt verbunden. Im trockenen Inneren des Gebäudes hat sich im Verlauf der Zeit dieses Gemisch aber anders entwickelt. Der Lehm ist vollständig ausgetrocknet und da er mit den vielen Bruchsteinen vermischt keine kompakte Einheit bildete, hat sich die Beschaffenheit der Masse fatal verändert. Der Lehm ist zu Staub zerfallen. Es hat sicher auch einen Anteil sandige Bestandteile drin, aber dieses feine Gemisch ist zu einer fliessenden Masse geworden, die die Bruchsteine beweglich macht.

Das ist auch der Unterschied des Wüstensandes aus Jesu Zeiten zum DIN-1054-Sand des Wickispezialisten. Dessen Sand wird heute aus Steinmaterial gebrochen und ist somit scharfkantig, ganz im Gegensatz zum durch die Windverfrachtung rund geschliffenen Wüstensand. Darauf lässt sich schlecht bauen. Unter Belastung beginnt er zu verschwimmen.

Somit bin ich mir jetzt auch sicher, dass die mühselige Beschäftigung mit etwa 10 Kubikmeter Schutt gut investierte Arbeit ist. Die Steine werden mit magerem Beton vermischt wieder zwischen Aussenwand und Gewölbe deponiert und bilden so eine fixe Unterlage für den weiteren Bodenaufbau. Der ausgesiebte Staub wird im Garten wieder zu lehmiger Erde.

Es verbleibt mir nun nur noch, die verschiedenen Kommentare der Besucher zu verdauen.

Geht doch

Zwei Nachtschichten eingelegt — und schon ist der Holzunterstand fertig. Das heisst, benützbar. Es fehlen mir noch etwa 10 Holzziegel und die Abschlusskante. Vielleicht braucht es noch einen Spritzschutz, um die untersten Schichten der Holzbeige bei Regen trocken zu halten. Aber nach der Weihnachtspause geht es mit Holzaufsägen weiter. Der Winter kann kommen.

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