Auch ohne Dach geht es weiter
Optimisten haben bei meinem Wettvorschlag darauf gesetzt, dass das Dach an diesem Wochenende gedeckt sei. Realisten vertrauen nur auf das, was sie sehen. Und Pessimisten bleiben am besten zu Hause.
Ich packe einfach eines der vielen anderen Vorhaben an, die noch für die Renovation notwendig sind. Eines davon ist die Verwendung von Lehm für den Innenausbau. Lehm werde ich vermischt mit verschiedenen anderen Stoffen für den Ausbau und den Verputz von Innenwänden, für die Verbindung der Isolation mit den Steinmauern und als gewagteste Anwendung für den Verputz der Badzimmerdecke verwenden. Hier sollen die Eigenschaft des Lehms, Wasser aus der Luft zu binden, für weniger Kondenswasser sorgen. Also geht es darum, für diese Anwendungen erste Erfahrungen zu sammeln.
Bei wunderbarem Wetter habe ich also Pickel, Schaufel und zwanzig Eimer an eine Stelle der Waldpiste getragen, wo ich von vorherigen Testproben eine gute Lehmqualität erwarte.
Am Ende eines Waldweges kann ich mit dem Abbau gleichzeitig einen grösseren Wendeplatz erzeugen. Ich schätze, dass ich allein für den Ausbau des kleineren Hauses ungefähr 5m3 Material gebrauchen werde.
Die grosse Unbekannte ist die Qualität dieses Lehms, denn es ist offensichtlich, dass ich hier nicht an einer fetten Lehmschicht grabe, weil viel Geröll sichtbar ist.
Relativ schnell sind die zwanzig Eimer mit Material gefüllt. Und genauso schnell hat sich Alain bereitgefunden, mit seinem Traktor die 400 Kilo Material an die Strasse hochzufahren.
Jetzt habe ich die ersten 10 Eimer mit Wasser und Stroh vermischt und dazu verwendet, die Lücken zwischen Geschossdecke und Aussenmauern zu stopfen. Das Haus ist nun bereit, beheizt zu werden, ohne dass die warme Luft nach oben entweicht. Für dieses Gemisch aus Stroh und Lehm habe ich nur die groben Steine entfernt, den „Pfludi“ in die Lücken gepresst und glatt gestrichen. Hier liegend muss er nur noch austrocknen. Das scheint mir unproblematisch zu sein. Für die anderen Anwendungen muss ich aber das Verfahren noch ausbauen. Lehm ist laut Wickipedia „eine Mischung aus Sand (Korngröße > 63 µm), Schluff (Korngröße > 2 µm) und Ton (Korngröße < 2 µm)“. Normalerweise kauft man fetten Lehm aus einer Tongrube und mischt ihn dann je nach Anwendung mit mehr oder weniger Sand. Ich muss den umgekehrten Weg gehen. Tests haben mir gezeigt, dass meine Originalmischung auch fein gesiebt noch einen hohen Sandanteil hat, der für einen vertikalen Verbau in Wänden nur mit einer guten zusätzlichen Armierung reicht. Für die Verwendung als Verputz muss ich meine Mischung „entsanden“. Die ersten Versuche für eine rationelle Methode sind am laufen. Ich bin optimistisch.
An der Schönheit werde ich noch arbeiten müssen.
Diese vier Eschen müssen noch einem Kehrplatz am Ende meiner Parzellen weichen. Gelegenheit also, meine Stihl-Elektrosäge in einem Ernstfall im Wald zu testen.
Und endlich, gut zwei Stunden später, liegen sie. Es nützt eben nichts, wenn man den Ladezustand der Batterien vor dem Einsatz nicht kontrolliert. Also erst mal alles liegen lassen und die Batterien zu Hause laden gehen.
Da der Bestand Jahrzehnte lang nicht gross genutzt worden ist, umweht ein Hauch von Wildnis die Bäume. Ich entdecke auf meinen Besuchsgängen quer durch den Wald immer wieder Neues. Und auch die Spuren der heimlichen Bewohner machen immer wieder klar: Es gibt nicht nur Urs im Wald.
Wie alt die einzelnen Elemente der Häuser wirklich sind, müssten Wissenschaftler erforschen.
Es hat nie einen künstlerischen Entwurf eines Architekten gegeben. Über viele Generationen hinweg ist die Struktur immer wieder neuen Bedürfnissen angepasst worden — mit mehr oder weniger handwerklichem Geschick.
Nicht nur der zeitweise fehlende Unterhalt hat Spuren hinterlassen. Aus purer Not sind viele Elemente aus anderen Gebäuden einfach wiederverwendet worden. Der Kalkmörtel ist oft mit lehmhaltiger Erde gestreckt oder ganz ersetzt worden. Hier ist deshalb bei den Renovationsarbeiten ein Teil einer Mauer, zum Glück ohne jemanden zu verletzen, eingebrochen.
Hier zeigen sich in einer Wand noch die Elemente eines evier. Wahrscheinlich ist er durch ein „modernes“ Spühlbecken ersetzt und einfach aufgefüllt und zugemauert worden.
Die ersten Arbeiten haben immer destruktiven Charakter. Der ehemalige Stall mit seinem Heuboden wird auf eine Etage reduziert und wird mal zum Atelier.
Einfachere Arbeiten werden selbst angepackt. Das gibt halt chli Schtoub uf dr Lunge, chli Dräck uf dr Zunge.
Immerhin ist nach einem ersten Jahr der Garten mit der assainissement individuelle, mittels der Technik der phytoépuration, fertig erstellt.
Und auch im Wald hat sich einiges bewegt. Damit die Bewirtschaftung bequemer wird, ist eine 1400 Meter lange Piste angelegt worden.
Auch die drei kleinen Wiesen sind dann besser erschlossen und können gepflegt werden.
Seit dem ich im Frühling mit dem Innenausbau begonnen habe, sind erstmal die Fledermäuse im Dachstock jetzt unter sich und verkoten mir nicht dauernd die Baustelle.
Aber auch in der ersten Etage hat es einen neuen Boden gegeben. Ich warte nun sehnlichst auf den Bezug des Ateliers, um mit den Holzbearbeitungsmaschinen den weiteren Innenausbau besser zu bewerkstelligen.
Die Schatten werden wieder länger und ein wunderschöner Spätsommer geht zu Ende.