Es wird so langsam langweilig
Wahrscheinlich macht es die Jahreszeit aus und die Gedanken nehmen die Farbe der Natur an. Viel Buntheit zeigt sich zwar wieder im Laub des Waldes, aber eine lange Regenperiode mit frühen dunklen Stunden am Abend macht grauen Gedanken Platz. Was habe ich in den letzten Monaten eigentlich alles erreicht? Es beschleicht mich das Gefühl, irgendwie an Ort zu treten. Alles scheint sich zu wiederholen. Der tausendste Stein ist in den Stützmauern gesetzt, die zehnte Wand verputzt, die Fenster Nummer elf, zwölf und dreizehn sind in Bearbeitung und auch im Garten läuft alles wie schon seit Jahren ab. Und mit den kühleren Temperaturen des Herbstes sind die Menschen aus der Nachbarschaft wieder abgereist.
Oft ist abends nur ein Fenster beleuchtet und eigentlich scheinen die vier Strassenlaternen nur für die paar streunenden Katzen, die den Weg auch ohne dieses Licht finden würden.
Die Langeweile ist schnell verflogen, wenn ich daran denke, was noch an Arbeit zu leisten ist. Denn langsam konkretisiert sich die zweite grosse Etappe meines Traumes: das Atelier. Es bleiben noch zwei Wände zu verputzen. Die x-te Überarbeitung des Bauplanes ist abgeschlossen und ich muss mich nun um das Bestellen von 2 Kubikmeter Holzbalken kümmern, die für die Galerie benötigt werden.
Kummer bereitet mir die Frage, wie ich die 60kg schweren Balken an ihre Position bringen werde. Es wird sich eine Lösung finden müssen. Die Kraft des Hebels lässt sich ja noch immer nützen.
In einer Regenpause ist mir draussen aufgefallen, dass es im Garten noch etwas zu holen gibt. Die zwei Wildrosensträucher sind voll von Beeren. Zur Abwechslung habe ich mal davon anderthalb Kilo gepflückt und werde versuchen, sie zu etwas Essbarem zu verarbeiten.
Die restlichen geschätzt 10 Kilo lasse ich hängen. An vielen Orten der Welt gibt es offensichtlich immer noch Überfluss. Nur an der Verteilung scheint es hin und wieder zu mangeln.
Ob es daran liegt, dass unser Überleben für lange Zeit von einer guten Kartoffelernte abhing, dass ich immer mit Spannung meine Kartoffeln ernte und mich dabei frage, wie hoch der Ertrag diesmal wohl sei? Dieses Jahr sind es immerhin 55 Kilogramm. Brutto, denn etwa 18 Kilogramm wären für den Handel zu klein oder beschädigt. Ein grosser Anteil davon wurde durch meine unsorgfältige Bewässerung dem Sonnenlicht ausgesetzt und ist nicht mehr geniessbar. Ich werde allerdings die Hälfte mit Rüstarbeit noch retten können und die ganz kleinen sind gebraten ja auch ganz lecker. Somit verringere ich den food waste ab Acker von 33% auf etwa 15%. Durch Rüstabfälle und den Verlust durch die lange Lagerung wird allerdings der Prozentsatz dann wieder markant steigen. Es ist zum Verzweifeln.
Man bekommt das Schild im Fenster kaum zu Auge. Aber es ist offensichtlich, dass der Eigentümer das an mein Atelier angebaute Haus zu verkaufen gedenkt. Jetzt fragen sich alle in der Nachbarschaft, wer mal unsere kleine Gemeinschaft komplettieren wird. Es ist die letzte freie Liegenschaft. Es muss ein wagemutiger Investor sein, denn schon andere Renovationsvorhaben sind an den Vorschriften gescheitert. Abwarten.
Und auch jetzt wieder kratze ich etwa 10m3 aufgeschütteten Schutt auf, um den Hang hinter dem Haus zur Strasse hin mit einer Mauer zu sichern. Dabei gewinne und sortiere ich fünf verschiedene Materialien: grosse, oft behauene Quader und Bruchsteine für den Bau der Mauern, faustgrosse Steine zur Hinterfüllung, Schotter für den Bodenbelag und ein feines Sand-Erde-Gemisch, das ich für den Garten verwenden kann.
Natürlich habe ich mich im Zeitplan wieder gehörig verschätzt. Es ist mühsamer als ich dachte. Was soll’s. Das Wetter ist schön und heiss und abends bin ich müde — für ä tüüfe, gsunde Schlaaf.