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Urs im Wald

Ein Baum — eine Frucht

Vor fünf Jahren gesetzt hat dieser Aprikosenbaum noch jeden Frühling nach einer reichen Blüte alle seine Früchte wieder verloren. Fröste, die in dieser Höhenlage noch sehr spät auftreten können, sind jeweils der wichtigste Grund dafür. Das war auch diesen Frühling so. Aber seit Wochen beobachte ich ein einziges kleines Früchtchen, das an einem dürren Ästchen hängend bisher allen Widrigkeiten getrotzt hat und immer grösser geworden ist. Jetzt warte ich mit viel Geduld, bis die Aprikose die volle Reife erreicht hat. Viel Geduld brauche ich wahrscheinlich auch, bis die Klimaerwärmung mir mal ermöglicht, mehr als eine Aprikose zu ernten…

Muster mit Wert

Dieser Durchgang zwischen der Stützmauer der Strasse und der Ostfront des Häuschens war zu Beginn durch eine Aufschüttung versperrt. Davon freigeschaufelt konnte die vorher immer wieder durchnässte Hausmauer austrocknen. Jetzt habe ich aus dem hier aussortieren Geröll, 500 Liter Sand, 100 Liter Zement und 100 Liter Wasser eine Mauer aufgebaut, die mir nun als Muster für die weiteren Umgebungsarbeiten dient. Mit einer Länge von 5 Meter und einem Volumen von 2 m3 hat sie mich vier Tage lang beschäftigt. Jetzt bleiben mir rund ums Haus nur noch ungefähr 15 m3 Mauerwerk übrig, um alles fertig zu stellen. Diese Zahlen sind wertvoll, um planen zu können — und den Mut nicht zu verlieren.

Ersäuft. Erschlagen.

Un rat!“ rief Jean, als ich ihm meine Jagdtrophäe zeigte. Tatsächlich hatte die Wühlmaus eine beträchtliche Körpergrösse, als sie sich bei meiner Wässerung der neusten Erdlöcher vor dem Ersaufen rettete und zuerst nur mit ihrem Kopf aus dem Erdloch lugte. Was mich überwinden liess, diesem netten Wesen mit den beiden Kulleraugen eins über den Schädel zu ziehen, weiss ich nicht. Es müssen Urinstinkte gewesen sein. Oder einfach der Ärger über die von ihr bisher gefressenen 200 Safranknollen, 20 Lauchsetzlingen und anderem untergrabenem Gemüse.

Löcher

Dass diesen Frühling hin und wieder ein gesetzter Lauch abgestorbene ist, kann man getrost hinnehmen, wenn man beim Graben sieht, dass eine Maus sich einen Gang zu den Wurzeln gegraben hat. Der Verlust ist verkraftbar. Es ist ja nicht so schlimm wie im letzten Winter, als eine dieser Wühlerinnen unterirdisch sich mehr als die Hälfte meiner Safranknollen als Winterspeck angefressen hat. Aber jetzt, wo nach Wochen ohne Regen das Gras vertrocknet ist, fallen Duzende von Löchern im Boden auf. Mein Nachbar Jean ist entsetzt und beginnt sich zu sorgen. Auch auf seinem Grundstück findet er „hunderte“ von Löchern und die Diskussion ist entbrannt, wer dafür verantwortlich sein kann. Solange er sich erinnern könne, hätte es das noch nie gesehen. Das umfasst immerhin eine Zeitspanne von mehr als achtzig Jahren. Ratten seien es vielleicht und er rechnet mir vor, mit welcher Kadenz sie sich vermehren können. Suzon, seine Partnerin aus Paris, vermutet eher schwarze mulots. Die frässen die Pflanzenwurzeln. Nach meinem Einwand, die schwarzen „Mäuse“ seien Insektenfresser und kämen dafür nicht in Frage, gibt sie mir den Auftrag, ich solle doch im Internet nachforschen, was es denn sein könnte. Die Auflösung der Konfusion: Ein mulot ist die graubraune Wühlmaus, die schwarzen Maulwürfe heissen auf französisch taupe. Im Gartencenter sind mir nun bei den Schädlingsbekämpfungsmitteln die Giftschachteln mit dem Produktname *Taupes et mulots“ aufgefallen. Nicht verwunderlich also, dass man die beiden kleinen Schwanzträger nicht unterscheiden kann. Jean hat gedroht, eine grosse Packung einzukaufen. Mich wundert bloss, weshalb jetzt plötzlich so viele Löcher gegraben werden. Auffällig ist, dass keine der typischen Erdhaufen sichtbar sind. Meine (wissenschaftlich noch unverifizierte) Theorie: es könnte sich um eine einzelne einsame Wühlmaus handeln, die versucht, an eine immer seltenere saftige Wurzel zu kommen. Durch die bis in die Tiefe steinhart gewordenen Böden aber beginnt es ihr bald zu stinken, unterirdisch zur nächsten Wurzel zu graben. Also beginnt sie verzweifelt, oberirdisch mit einem neuen Grabversuch an einen weiteren Leckerbissen zu kommen. Soll ich mit ihr Mitleid haben? Jean hat sicher keines. Gespannt bin ich auf das Resultat seiner grossangelegte Giftaktion. Wahrscheinlich wird das bloss ein Schuss in den Ofen.

Handarbeit verlangt ein eigenes Rezept

Immer wieder stosse ich beim Bauen auf einen Arbeitsschritt, den ich zum ersten Mal in meinem Leben anpacke und werde dann mit der Frage konfrontiert: „Wie mache ich das am Besten?“ Das Internet ist dabei eine reiche Quelle für Anleitungen. So bin ich auch mit der Mischung aus Kalk und Hanf vertraut geworden, sogenanntem „Hanfbeton“. Aber zuerst ging’s vorher noch an Arbeitsschritte, die mich auch sonst gefordert haben.

Das Scheunentor (wenn die Gravur 1769 im Tor wirklich glaubwürdig ist) aus dem 18. Jahrhundert soll in ein Fenster für die 2. Etage des Ateliers umgebaut werden. Zuerst musste der Eichenbalken, der die Öffnung 250 Jahre lang trug und morsch wurde, ersetzt werden. Eine Arbeit, vor der ich grossen Respekt hatte, denn nicht zum ersten Mal hat beim Umbau eine einstürzende Bruchsteinmauer für reichlich Gefahr gesorgt. Sieht ein bisschen improvisiert aus, zugegeben, aber die Stütze hat ihren Zweck erfüllt. Der oberste, 50 kg schwere Eckstein, der den Balken trug und sich beim Herauslösen des morschen Balkens vom Platz gelöst und zu Boden gedonnert war, musste wieder hochgehievt und an seinen angestammten Platz geschoben werden. Ein Gerüst diente als Rampe und sicherte die Arbeit. Ich stelle mir vor, dass ungefähr so die Pyramiden gebaut wurden. Dann musste eine alte Bahnschwelle, auch so ungefähr 70 Kilp schwer, zugeschnitten und auch wieder über die Rampe hoch gewuchtet werden. Das anschliessende Setzen der Bruchsteine, um die Fensterbrüstung auszufüllen, war dann eine Sonntagsarbeit. Geschafft. Alles mit Kalkmörtel ausgefugt und die Fensterbank mit einem Rahmen aus Eichenbrettern für die Montage des Fensters vorbereitet —jetzt fehlte nur noch, dass die Innenseite der Fensterbrüstung sauber ausgefüllt wird. Dazu habe ich mich eben für „Hanfbeton“ entschieden, der zugleich auch als zusätzliche Wärmedämmungen dienen soll.

Das „Rezept“ aus dem Internet: Chèvenotte, ein Granulat aus dem holzigen Anteil der Hanfpflanze, mit Kalk vermischen, Wasser dazugiessen und das Ganze zu einer schön klebrigen Masse verarbeiten und anbringen. Ich musste die verwendeten Mengen auf meine Arbeitsweise hinunterrechnen, da ich nie mit einem Betonmischer, sondern immer nur mit 10-Liter-Kübeln arbeite. Das ist für ein „Einmannteam“ angepasster. Also frisch drauflos 8 Liter chèvenotte mit 3 Kilo Kalk vermischt. Easy. Und dann 5 Liter Wasser dazugegossen. Und dann gerührt und gerührt — und kräftig geflucht. Das Wasser hatte sich beim Durchsickern durch das Granulat schnell mit dem Kalk zu Klumpen verbunden und vom Granulat getrennt. Eine verdammt aufwendige Arbeit, die entstandenen Kalkknollen wieder mit dem Granulat einigermassen zu verbinden. Das Gemisch liess sich dann zwar hinter die Schalbretter abfüllen. Aber das Resultat war nicht überzeugend. Und mein vom Rühren schmerzendes Handgelenk regte mich an auszurechnen, wie lange ich für die 500 Liter wohl brauchen werde, die für die Brüstung nötig waren.

Ich weiss nicht mehr, was mich auf neue Ideen brachte. Aber hier nun das nur geringfügig an meine Handarbeit angepasste Rezept für Hanfbeton: 5 Liter Wasser in einen 10-Liter-Kübel giessen, 3 Kilo Kalk langsam unter Rühren im Wasser auflösen. Dabei entsteht, was man auch als „Kalkmilch“ bezeichnet. Je nach zu erzielender Festigkeit des getrockneten Betons kann auch mehr Kalk zugeschüttet werden. Aber mehr als die Konsistenz von Rahm sollte für die Brühe nicht überschritten werden, weil dann sonst der nächste Arbeitsschritt wieder mühsam wird: die Milch wird in einem weiteren Kübel auf 8 Liter chèvenotte geschüttet. Ein- oder zweimal umrühren und fertig.

Das jetzt fertige Resultat gibt mir die Zuversicht, auch an anderen Stellen mit diesem Material zu arbeiten. Ich kaufe deswegen sicher keinen Betonmischer.