Die Höhenangst ist überwunden
Bastaings nennen die Zimmermänner (-frauen sind mir leider noch keine begegnet) in Frankreich die Balken, meist aus Fichte und Weisstanne roh gesägt, die vor allem für Dachkontruktionen verwendet werden. Aus etwa 20 dieser Balken habe ich mir zuerst drei unterschiedlich hohe, auf Rädern mobile Gerüste gebaut, um damit gefahrlos bis unter die beinahe sechs Meter hohe Decke arbeiten zu können.
Dazu musste ich, um die fünf Meter langen Balken aufzusägen, die ganze Ateliertiefe von 11 Metern ausnützen. Mehrmals habe ich die Kreissäge dabei an ihre Leistungsgrenzen gebracht. Sie hat es überstanden.
Nach mehreren Wochen Arbeit steht nun der ganze Ständerbau bis unter die Decke — bereit, um später die Isolation und die Wandverschalung aufzunehmen.
Aber vorerst sorge ich wieder für etwas Abwechslung und plane an weiteren Fenstern. Anders als beim ersten Häuschen entwickle ich den Baufortschritt nun von „aussen nach innen“. Wenn alles „aussen“ verbaut ist, werde ich mich anschliessend an den Innenausbau machen. Und erst nach der letzten gesetzten Schraube denke ich an den Einzug — es dauert noch eine Weile, nehme ich an …
Wenn ich von der neu gebauten ersten Etage auf den Boden des Ateliers hinunterschaue, dann aktiviert sich in mir die Höhenangst und ich klammere mich an alles, was mir mehr Sicherheit gibt.
Und wenn ich in die Höhe schaue, dann wird mir noch mehr schwindlig. Ich muss hier eine Trennwand auf über mehr als fünf Meter hochziehen. So kann ich nicht weiterarbeiten. Ich muss mir etwas einfallen lassen. Zuerst wird das Puff aufgeräumt.
Sechs Betonpfeiler an einer Seitenmauer meines Ateliers bilden nun die Unterlage für die Konstruktion der Galerie. Die traditionelle Bauweise hätte die tragenden Balken in die Bruchsteinmauer aufgestützt. Da diese Seite des Gebäudes aber auf natürlichem Untergrund steht, bildet eintretendes Wasser eine ständige Gefahr für das Holzwerk. Dem ist man mit Balken aus Eiche begegnet. Mit diesen armierten Pfeilern gehe ich der Feuchtigkeit aus dem Weg und kann mit heute üblichen Nadelholzbalken arbeiten. Meine Baustelle heisst halt nicht Notre-Dame de Paris.
Sechs Birken liegen noch seit den ersten Tagen des Pandemiebeginns auf dem Waldboden, da ich mich an die strikten Regeln des confinement gehalten und mich nicht mehr aus dem Haus bewegt habe. Höchste Zeit jetzt also, sie vor dem Verfaulen zu retten, denn das Holz hat sich schon etwas dunkler verfärbt.
Was für ein toller Arbeitsplatz.
Am Fuss einer Birke, die ich am selben Standort vor drei Jahren gefällt habe, zeigen sich schon deutlich die Spuren des Vergehens — aber auch des Werdens.
Die Herbstzeitlosen weisen in den Wiesen seit ein paar Tagen schon mit ihren lila Blüten auf das Ende der warmen Tage hin.
Ihre edlen Schwestern, die Safranknollen, bereiten sich in meinem Garten erst noch auf ihre Blütezeit vor. Da ich einjährige Knollen gesetzt habe, wird von den 350 Pflänzlingen nur ein kleiner Teil eine Blüte ausbilden. Gespannt warte ich auf das Erscheinen der ersten lila Blüten, um ihnen die so begehrten Fäden zu stehlen.