Meine neue Einheit
Gewöhnlich misst man den Aufwand für eine Arbeit in Einheiten der Zeit: Stunden, Tage oder Wochen. Bei der Arbeit an der neuen Stützmauer zähle ich aber anders.
Um diesen letzten Stein der Mauer neu zu platzieren, musste ich ihn ausbuddeln. Auf seiner Rückseite wurde eine Gravur sichtbar, die ihn als Sturz für einen Hauseingang ausweist: ein ganz spezielles Stück. Er wiegt über 400 Kilogramm. Die Entscheidung, ihn zu drehen, damit die Gravur nicht kopfsteht, fiel mir nicht leicht. Aber ich wollte, dass sie lesbar bleibt. Also musste er ganz aus seinem angestammten Platz herausgeholt, auf seine Füsse gestellt und noch um seine Achse gedreht werden.
Hier liegt er nun bereit, um wieder zurückgeschoben zu werden.
Dieses Manöver hat mich eine ganze meiner neuen Arbeitseinheiten gekostet. Ich nenne sie: ein Rücken. Immer wenn sich meiner mit Schmerzen meldet, höre ich auf und gehe unter die Dusche.
Die ganze Mauer wird mich mehr als ein Dutzend Rücken kosten. Besser aber zwölf gesunde Rücken als nur einen, aber kaputten.
Wem die Signatur „1790 + F + R“ zugeordnet werden kann, wird wahrscheinlich nie bekannt. Die Geschichte des Dorfes ist nur rudimentär dokumentiert. Doch die beiden Kreuze – stark vereinfacht, aber klar erkennbar – sind Varianten des Okzitanerkreuzes. Sie verraten, dass wir uns zwar am nördlichsten Rand, aber dennoch im Pays d’Oc befinden.
Irgend jemand muss diesen Keller mal zugebaut und bewusst nicht ganz aufgefüllt haben. Das besorge ich nun. Kellerräume habe ich genug.


Aber nicht rechtzeitig konnte ich mein Tagwerk abschliessen. Die einbrechende Dunkelheit verhinderte, dass ich die Piste noch freilegen konnte. Jetzt warten noch etwa acht Ster Holz am Boden, verarbeitet und ins Trockene gebracht zu werden.
Hier wurde mir die Routine des Tages beim letzten zu fällenden Baum zum Verhängnis. Er hatte eben nicht genau die von mir geschätzte Neigung. Beim Fällschnitt hatte ich erwartet, dass er sich langsam zur Fallkerbe hin zu neigen beginne. Aber nicht so. Urplötzlich und kaum sichtbar bewegte er sich in die andere Richtung und verklemmte die Säge. Es blieb mir keine Zeit, das Schwert ganz zurückzuziehen. Ein paar hundert Kilo lasten so auf der Säge. Dabei kommt ein eigenartiges Gefühl auf, plötzlich das wichtigste Arbeitsinstrument zu verlieren. So etwas wie Hilflosigkeit, denn das war mir noch nie passiert.